Ernährungsbildung in der Kita: So wird jede Mahlzeit zu einem pädagogischen Angebot
Inhaltsverzeichnis
Warum Ernährungsbildung am Kita-Tisch beginnt – und nicht im Stuhlkreis
Essen ist ein zentrales Element des Alltags – verknüpft mit Emotionen, sozialen Beziehungen, Kultur und Identität. In der Kita treffen Kinder mit sehr unterschiedlichen Essgewohnheiten, Hintergründen und Erfahrungen aufeinander. Genau darin liegt eine Chance: Vielfalt am Tisch kann ein Lernfeld sein – wenn Erwachsene Esssituationen bewusst gestalten.
Was Ernährungsbildung (nicht) ist
Tipp für die Praxis
Ernährungsbildung heißt: Rahmenbedingungen für Lernen, Erfahrung und Selbstbestimmung zu schaffen – nicht „richtiges Essen“ zu erklären.
Mahlzeiten im Rahmen der Gemeinschafsverpflegung bieten eine große Chance, Ernährungsbildung als selbstverständlichen Bestandteil wirksam im Alltag zu verankern.
Erwartungen versus Bedürfnisse – warum „Alles probieren!“ oft nach hinten losgeht
Kinder brauchen beim Essen vor allem eins: Vertrauen und Zutrauen
Kinder wollen selbstbestimmt essen: mit Begleitung, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit, Zeit – also „in Beziehung“. Esssituationen sind Orte von Beziehungsgestaltung und Selbstwirksamkeit. Kinder brauchen Strukturen, aber keine Kontrolle. Nur so können Mahlzeiten als pädagogisches Angebot gelingen.
Gut zu wissen
Je größer die Diskrepanz zwischen dem „Sollen“ der Erwachsenen und dem „Wollen“ der Kinder, desto schwieriger wird die Esssituation – und damit die Entwicklung eines genussvollen, selbstbestimmten Essverhaltens.
Kindliches Essverhalten verstehen – ein kurzer Blick hinter die Kulissen
Um Kinder gut zu begleiten, hilft Wissen darüber, dass Essverhalten aus gegebenen (nicht beeinflussbaren) und gestaltbaren (pädagogisch beeinflussbaren) Faktoren entsteht.
Gegebene Faktoren: Intuitiv essen, gut schmecken, Sicherheit suchen
Gestaltbare Faktoren: Hier liegt der pädagogische Hebel
Mahlzeiten gestalten: Was Erwachsene entscheiden – und was Kinder entscheiden
Ein zentraler Leitgedanke bei der Gestaltung von Mahlzeiten: Erwachsene und Kinder teilen sich während der Mahlzeit die Verantwortung.
Erwachsene entscheiden das Was (Speiseplan), Wie (Setting/Atmosphäre) und Wann (Zeiten). Kinder entscheiden innerhalb des Angebots ob und wie viel sie essen. Eine wichtige Regel dabei ist, das Essverhalten der Kinder niemals zu bewerten, weder verbal noch nonverbal.
Ein flexibles Speisenangebot: Kindern Raum für Entscheidungen geben
Das Angebot einzelner Menükomponenten bietet Kindern die Möglichkeit, neue Lebensmittel spielerisch und ohne Zwang kennenzulernen. Durch die Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten können Geschmackspräferenzen individuell entwickelt und schrittweise erweitert werden – ganz ohne Druck und im eigenen Tempo.
Für Einrichtungen bietet ein solches Verpflegungssystem die Chance, den Speiseplan dynamisch und bedarfsgerecht zu gestalten. Lebensmittel können zunächst in kleinen Mengen zum Probieren angeboten werden, bevor sie bei Gefallen einen festen Platz im Speiseplan finden. Diese Flexibilität unterstützt nicht nur die Entdeckungsfreude der Kinder, sondern hilft auch dabei, ein Überangebot zu vermeiden und sicherzustellen, dass weniger Lebensmittel ungenutzt bleiben.
Der Teller ist privat – der Mund ist intim
Praxisprinzip
Freiwilligkeit schützt, Vertrauen stärkt. Das ist pädagogisch wirksamer als Kontrolle und fördert Esskompetenz.
Praxis-Toolbox für Kitas: So wird das Mittagessen zum Lernraum
Mit klaren Strukturen, einer wertschätzenden Atmosphäre und alltagstauglichen Methoden kann eine Mahlzeit zum wichtigen Lern- und Erfahrungsraum werden. Die folgenden Aspekte zeigen praxisnah, wie Kinder Selbstbestimmung, Sicherheit und Freude am Essen entwickeln können – ohne Druck und mit viel Vertrauen in ihre eigenen Kompetenzen. Einzelne Ansätze lassen sich auch auf das Mittagessen in Grundschulen übertragen.
Rhythmus und Rahmenbedingungen – Hunger wieder möglich machen
Für gelingende Mahlzeiten braucht es Anfang und Ende – und zwischen zwei Mahlzeiten mindestens 2 Stunden, besser 2,5 Stunden, in denen nichts gegessen wird. Das unterstützt echten Hunger und kann auch Zahngesundheit, Blutzuckerspiegel sowie Wach- und Schlafrhythmus positiv beeinflussen. Für offene Frühstücksmodelle wird zum Beispiel ein Ende gegen 9:15 Uhr empfohlen, um ausreichen Abstand zum Mittagessen zu gewährleisten.
Atmosphäre und Setting – Wohlfühlen ist kein „Extra“
Eine Wohlfühl-Atmosphäre umfasst Raum- und Tischgestaltung, zum Beispiel Akustik und altersgerechtes Mobiliar. Kinder sollten so sitzen, dass sie die Füße aufstellen können. Geschirr und Besteck sollten kindgerecht sein.
Sicherheitslebensmittel und „Vertrautes“ bei „Neuem“
Kinder entwickeln mehr Mut, wenn Neues mit Vertrautem kombiniert wird. Als Sicherheitslebensmittel empfiehlt sich zum Beispiel Vollkornbrot in kleinen Mengen anzubieten, damit auch zurückhaltende Kinder satt werden und Teil der Essensgemeinschaft bleiben. Ein paar Scheiben Vollkornbrot sollten daher immer als Ergänzung zum regulären Angebot der Kitaverpflegung auf dem Tisch bereitliegen.
Zwei bewährte Methoden für mehr Selbstbestimmung am Tisch
Feedback zum Essen – bitte ohne Ampel und ohne Kränkung
Klassische Feedbacksysteme wie das altbekannte Ampelsystem spiegeln die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit über das Essen oft nicht verlässlich wider – denn zu viele Faktoren wie Stress oder Gruppendynamik beeinflussen die Bewertung. Stattdessen ist es ratsam, mit Kindern ins Gespräch zu gehen, die Stimmung wahrzunehmen und sich eng zwischen dem pädagogischen Team und den Hauswirtschaftskräften in der Kita abzustimmen. So lässt sich auch vermeiden, dass Sätze wie „Den Kindern hat es heute nicht geschmeckt“ persönlich genommen werden.
Kinder mitbestimmen lassen – sinnvoll dosiert
Das Verpflegungsangebot in Kitas sollte sich grundsätzlich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) orientieren. Kinder können jedoch bei der Auswahl einzelner Mahlzeiten oder Komponenten mitbestimmen (zum Beispiel Abstimmung zwischen zwei Suppen). Wichtig ist, Angebote vorher zu erklären und Lebensmittel zu zeigen, bevor diskutiert und demokratisch abgestimmt wird.
apetito unterstützt Kitas bei der gemeinsamen Speiseplanung mit den Kindern mithilfe von „Harrys Bilderspeiseplan“. Die Bildkärtchen bieten für Einrichtungen eine Basis, um den Kindern verschiedene Speiseplanoptionen bildlich darzustellen.
Rolle der Hauswirtschaft: Kindgerecht anrichten, Verlässlichkeit schaffen und Veränderungen erklären
Nicht nur die pädagogische Begleitung, auch die Küche prägt kindliches Essverhalten aktiv mit. Kinder „essen mit den Augen“ – neben Geruch, Haptik und Geschmack ist vor allem das Aussehen entscheidend. Die wichtigsten Tipps für die Praxis können Sie unserer Broschüre „Ernährungsbildung – So wird jede Mahlzeit zu einem pädagogischen Angebot“ entnehmen.
Fazit: Sieben wichtige Aspekte für Ernährungsbildung in der Kita
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Alternativ ist die Broschüre auch in gedruckter Form erhältlich und kann von apetito Kundinnen und Kunden über unser Kundenportal mein.apetito bestellt werden.
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Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) (2023): DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas, 6. Auflage, Bonn.
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Gätjen E (2012): Essensspaß für kleine Kinder. Über 90 schnelle Rezepte: So schmeckt’s auch Gemüsemuffeln, 2. Auflage, Stuttgart: TRIAS.
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Gätjen E (2019): Tischgespräche. Das systemische Konzept in der Ernährungsberatung, Stattgart: Verlag Eugen Ulmer.
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Gätjen E (2023): Lottas Lieblingsessen. Vollwertig und bunt: Über 110 Rezepte, die kleiner Kinder lieben, 2. Auflage, Stuttgart: TRIAS.
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Gätjen E (2026): Ernährungsbildung. So wird jede Mahlzeit zu einem pädagogischen Angebot, Rheine.