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Ernährungsbildung in der Kita: So wird jede Mahlzeit zu einem pädagogischen Angebot

Lesezeit: 7 Minuten

Mahlzeiten sind in der Kita viel mehr als „Sattwerden“. Sie sind Beziehungszeit, Lernzeit und Genusszeit – und damit ein tägliches pädagogisches Angebot. Als Autorin der apetito Ernährungsbildungsbroschüre zeigt Edith Gätjen, systemische Familientherapeutin und Oecotrophologin, wie pädagogische Fachkräfte und Hauswirtschaft gemeinsam Rahmen schaffen, in denen Kinder selbstbestimmt, gesundheitsförderlich und genussvoll essen, essen lernen und beim Essen lernen.
Kinder-am-Esstisch-Kita

Inhaltsverzeichnis

Warum Ernährungsbildung am Kita-Tisch beginnt – und nicht im Stuhlkreis

Essen ist ein zentrales Element des Alltags – verknüpft mit Emotionen, sozialen Beziehungen, Kultur und Identität. In der Kita treffen Kinder mit sehr unterschiedlichen Essgewohnheiten, Hintergründen und Erfahrungen aufeinander. Genau darin liegt eine Chance: Vielfalt am Tisch kann ein Lernfeld sein – wenn Erwachsene Esssituationen bewusst gestalten.

Was Ernährungsbildung (nicht) ist

Ernährungsbildung bedeutet nicht, mit Kindern über gesunde Ernährung zu sprechen oder ihnen eine Ernährungsweise „beizubringen“. Kinder lernen am nachhaltigsten durch eigene Erlebnisse, Beobachtungen und Beziehungserfahrungen. Druck, Zwang oder übermäßige Kontrolle sind dagegen nicht hilfreich und können langfristig problematische Essmuster verstärken.
Edith-Gaetjen

Tipp für die Praxis

Ernährungsbildung heißt: Rahmenbedingungen für Lernen, Erfahrung und Selbstbestimmung zu schaffen – nicht „richtiges Essen“ zu erklären.

Mahlzeiten im Rahmen der Gemeinschafsverpflegung bieten eine große Chance, Ernährungsbildung als selbstverständlichen Bestandteil wirksam im Alltag zu verankern.

Erwartungen versus Bedürfnisse – warum „Alles probieren!“ oft nach hinten losgeht

Durch ihre Arbeit in den Kitas nimmt Edith Gätjen deutschlandweit immer wieder wahr, mit welchen großen Erwartungen von Erwachsenen die Kinder beim Essen konfrontiert sind: „Die Kinder sollen alles probieren, gesunde Lebensmittel bevorzugen, die richtige Menge essen und während einer Mahlzeit sitzen bleiben“, bringt es Edith Gätjen auf den Punkt. Diese Erwartungen sind verständlich. Problematisch wird es, wenn sie nicht zu den Entwicklungsphasen und Bedürfnissen der Kinder passen.

Kinder brauchen beim Essen vor allem eins: Vertrauen und Zutrauen

Kinder wollen selbstbestimmt essen: mit Begleitung, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit, Zeit – also „in Beziehung“. Esssituationen sind Orte von Beziehungsgestaltung und Selbstwirksamkeit. Kinder brauchen Strukturen, aber keine Kontrolle. Nur so können Mahlzeiten als pädagogisches Angebot gelingen.

Kinder-am-Esstisch-Kita

Gut zu wissen

Je größer die Diskrepanz zwischen dem „Sollen“ der Erwachsenen und dem „Wollen“ der Kinder, desto schwieriger wird die Esssituation – und damit die Entwicklung eines genussvollen, selbstbestimmten Essverhaltens.

Kindliches Essverhalten verstehen – ein kurzer Blick hinter die Kulissen

Um Kinder gut zu begleiten, hilft Wissen darüber, dass Essverhalten aus gegebenen (nicht beeinflussbaren) und gestaltbaren (pädagogisch beeinflussbaren) Faktoren entsteht.

Gegebene Faktoren: Intuitiv essen, gut schmecken, Sicherheit suchen

  • apetito
    Kita-Kinder sind lange Zeit intuitive Esserinnen und Esser: Hunger- und Sättigungssignale steuern das Essverhalten stark. 
  • apetito
    Geschmack wird familiär und soziokulturell geprägt – das „Hineinschmecken“ in die Kita braucht Zeit.
  • apetito
    Kinder haben besonders viele Geschmacksknospen – sie nehmen Abweichungen („Da schmeckt etwas komisch“) oft sehr genau wahr.
  • apetito
    Biologische Sicherheits- und Schutzprogramme zeigen sich deutlich, zum Beispiel in Vorlieben für Süßes und Salziges, Skepsis gegenüber Bitterem und Saurem oder dem Prinzip „Ich esse nur, was ich kenne“ (Neophobie).

Gestaltbare Faktoren: Hier liegt der pädagogische Hebel

Kinder brauchen freundliche Erwachsene, die ihnen beim Essenlernen
  • apetito
    verlässliche Beziehungen anbieten,
  • apetito
    selbstbestimmte Erfahrungen ermöglichen,
  • apetito
    und kindgerechte Essbegleitung leisten.
Bei einem gemeinsamen Essen mit den Kindern können pädagogische Fachkräfte als Lerngestalter und bedeutsame Vorbilder fungieren.

Mahlzeiten gestalten: Was Erwachsene entscheiden – und was Kinder entscheiden

Ein zentraler Leitgedanke bei der Gestaltung von Mahlzeiten: Erwachsene und Kinder teilen sich während der Mahlzeit die Verantwortung.

Erwachsene entscheiden das Was (Speiseplan), Wie (Setting/Atmosphäre) und Wann (Zeiten). Kinder entscheiden innerhalb des Angebots ob und wie viel sie essen. Eine wichtige Regel dabei ist, das Essverhalten der Kinder niemals zu bewerten, weder verbal noch nonverbal.

Ein flexibles Speisenangebot: Kindern Raum für Entscheidungen geben

Das Angebot einzelner Menükomponenten bietet Kindern die Möglichkeit, neue Lebensmittel spielerisch und ohne Zwang kennenzulernen. Durch die Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten können Geschmackspräferenzen individuell entwickelt und schrittweise erweitert werden – ganz ohne Druck und im eigenen Tempo.

Für Einrichtungen bietet ein solches Verpflegungssystem die Chance, den Speiseplan dynamisch und bedarfsgerecht zu gestalten. Lebensmittel können zunächst in kleinen Mengen zum Probieren angeboten werden, bevor sie bei Gefallen einen festen Platz im Speiseplan finden. Diese Flexibilität unterstützt nicht nur die Entdeckungsfreude der Kinder, sondern hilft auch dabei, ein Überangebot zu vermeiden und sicherzustellen, dass weniger Lebensmittel ungenutzt bleiben.

Der Teller ist privat – der Mund ist intim

Ein Leitsatz, den Edith Gätjen immer wieder betont: Kein Kind muss probieren, aber mit allen Sinnen mit dem Essen und beim Essen ausprobieren! Denn das Angebot der Erwachsenen endet am Buffet oder Esstisch – weit vor dem Mund des Kindes.
Kind-am-Buffet

Praxisprinzip

Freiwilligkeit schützt, Vertrauen stärkt. Das ist pädagogisch wirksamer als Kontrolle und fördert Esskompetenz.

Praxis-Toolbox für Kitas: So wird das Mittagessen zum Lernraum

Mit klaren Strukturen, einer wertschätzenden Atmosphäre und alltagstauglichen Methoden kann eine Mahlzeit zum wichtigen Lern- und Erfahrungsraum werden. Die folgenden Aspekte zeigen praxisnah, wie Kinder Selbstbestimmung, Sicherheit und Freude am Essen entwickeln können – ohne Druck und mit viel Vertrauen in ihre eigenen Kompetenzen. Einzelne Ansätze lassen sich auch auf das Mittagessen in Grundschulen übertragen.

Rhythmus und Rahmenbedingungen – Hunger wieder möglich machen

Für gelingende Mahlzeiten braucht es Anfang und Ende – und zwischen zwei Mahlzeiten mindestens 2 Stunden, besser 2,5 Stunden, in denen nichts gegessen wird. Das unterstützt echten Hunger und kann auch Zahngesundheit, Blutzuckerspiegel sowie Wach- und Schlafrhythmus positiv beeinflussen. Für offene Frühstücksmodelle wird zum Beispiel ein Ende gegen 9:15 Uhr empfohlen, um ausreichen Abstand zum Mittagessen zu gewährleisten.

Atmosphäre und Setting – Wohlfühlen ist kein „Extra“

Eine Wohlfühl-Atmosphäre umfasst Raum- und Tischgestaltung, zum Beispiel Akustik und altersgerechtes Mobiliar. Kinder sollten so sitzen, dass sie die Füße aufstellen können. Geschirr und Besteck sollten kindgerecht sein.

Sicherheitslebensmittel und „Vertrautes“ bei „Neuem“

Kinder entwickeln mehr Mut, wenn Neues mit Vertrautem kombiniert wird. Als Sicherheitslebensmittel empfiehlt sich zum Beispiel Vollkornbrot in kleinen Mengen anzubieten, damit auch zurückhaltende Kinder satt werden und Teil der Essensgemeinschaft bleiben. Ein paar Scheiben Vollkornbrot sollten daher immer als Ergänzung zum regulären Angebot der Kitaverpflegung auf dem Tisch bereitliegen.

Zwei bewährte Methoden für mehr Selbstbestimmung am Tisch

  • apetito
    „1 Löffel“-Vereinbarung: Kinder nehmen sich von dem, was sie möchten, zunächst nur einen Löffel. Das unterstützt Kennenlernen, Einschätzen der Sättigung und hilft, fair zu teilen und weniger wegzuwerfen. 
  • apetito
    „Ich-kann-Tellerchen“: Jedes Kind bekommt ein kleines Tellerchen, um das Essen im eigenen Tempo mit allen Sinnen (sehen, hören, fühlen, riechen, ggf. lecken – wenn das Kind möchte – und dann möglicherweise auch schmecken) zu erforschen. Das stärkt die Selbstwirksamkeit: „Ich muss nicht – aber ich kann.“ Dadurch wird den Kindern die Möglichkeit eröffnet, das Essen ohne Druck zu probieren.

Feedback zum Essen – bitte ohne Ampel und ohne Kränkung

Klassische Feedbacksysteme wie das altbekannte Ampelsystem spiegeln die Zufriedenheit oder Unzufriedenheit über das Essen oft nicht verlässlich wider – denn zu viele Faktoren wie Stress oder Gruppendynamik beeinflussen die Bewertung. Stattdessen ist es ratsam, mit Kindern ins Gespräch zu gehen, die Stimmung wahrzunehmen und sich eng zwischen dem pädagogischen Team und den Hauswirtschaftskräften in der Kita abzustimmen. So lässt sich auch vermeiden, dass Sätze wie „Den Kindern hat es heute nicht geschmeckt“ persönlich genommen werden.

Kinder-mit-Harrys-Bilderspeiseplan

Kinder mitbestimmen lassen – sinnvoll dosiert

Das Verpflegungsangebot in Kitas sollte sich grundsätzlich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) orientieren. Kinder können jedoch bei der Auswahl einzelner Mahlzeiten oder Komponenten mitbestimmen (zum Beispiel Abstimmung zwischen zwei Suppen). Wichtig ist, Angebote vorher zu erklären und Lebensmittel zu zeigen, bevor diskutiert und demokratisch abgestimmt wird.

apetito unterstützt Kitas bei der gemeinsamen Speiseplanung mit den Kindern mithilfe von „Harrys Bilderspeiseplan“. Die Bildkärtchen bieten für Einrichtungen eine Basis, um den Kindern verschiedene Speiseplanoptionen bildlich darzustellen.

Rolle der Hauswirtschaft: Kindgerecht anrichten, Verlässlichkeit schaffen und Veränderungen erklären

Nicht nur die pädagogische Begleitung, auch die Küche prägt kindliches Essverhalten aktiv mit. Kinder „essen mit den Augen“ – neben Geruch, Haptik und Geschmack ist vor allem das Aussehen entscheidend. Die wichtigsten Tipps für die Praxis können Sie unserer Broschüre „Ernährungsbildung – So wird jede Mahlzeit zu einem pädagogischen Angebot“ entnehmen.

Fazit: Sieben wichtige Aspekte für Ernährungsbildung in der Kita

  • apetito
    Ernährungsbildung = Rahmen für Selbstbestimmung.
  • apetito
    Beziehung vor Kontrolle: Esssituationen sind Beziehungs- und Lernorte.
  • apetito
    Kinder entscheiden ob und wie viel sie essen, Erwachsene gestalten Angebot und Setting.
  • apetito
    Mahlzeitenrhythmus mit Esspausen (mind. 2 bis 2,5 Stunden) ermöglicht echten Hunger.
  • apetito
    Sicherheitslebensmittel wie Vollkornbrot machen mutig.
  • apetito
    Das Ich-kann-Tellerchen und die „1 Löffel“-Vereinbarung stärken die Selbstwirksamkeit.
  • apetito
    Feedback im Gespräch einholen, nicht über Ampelsysteme – der Kontext zählt!

Ernährungsbildung leicht gemacht: Unsere Broschüre für den Kita-Alltag

Sie möchten die Inhalte für Ihr Team sichern oder als Grundlage für Teambesprechungen nutzen?

Dann fordern Sie unsere Broschüre „Ernährungsbildung – So wird jede Mahlzeit zu einem pädagogischen Angebot“ kostenlos als E-Book über unser Kontaktformular an. Die Broschüre ist mit Edith Gätjen als Autorin entstanden. Mehr Informationen erhalten Sie unter „Broschüre anfordern“.

Alternativ ist die Broschüre auch in gedruckter Form erhältlich und kann von apetito Kundinnen und Kunden über unser Kundenportal mein.apetito bestellt werden. 

apetito-Ernaehrungsberaterin-Kitas-und-Schulen-Anna-Koesters
Artikel vom 15.07.2026